VON CAPRI NACH TARQUINIA

Ein paar schöne Tage stehen uns noch bevor, ehe der Herbst nun doch endlich Einkehr halten wird. Die wollen wir nutzen und brechen heute früh morgens von Capri aus an die Küste des Lazio, auf. Unser Ziel - Gaeta. Beim Auslaufen aus Marina Piccola ziehen die Faraglioni in der Ferne majestätisch an uns vorüber, während wir Kurs Richtung Nordwesten halten.

Wenig später sehen wir Ischia zu unserer Rechten, halten aber weiterhin Kurs auf Gaeta. Vom Meer aus wirkt die Stadt wie ein Schiff, das vor Anker liegt. Der mittelalterliche Stadtkern auf der Halbinsel, darüber die Festung, dahinter der Monte Orlando. Wir gehen an Land und steigen hinauf zur Montagna Spaccata, dem „gespaltenen Berg“. Die Legende erzählt, dass sich der Fels beim Tod Christi geöffnet haben soll. Müde von der Wanderung kehren wir in die Stadt zurück und gehen in ein kleines Ristorante, um uns zu stärken und eine lokale Spezialität zu kosten: Tiella, eine flache, in knusprigen Teig gehüllte Pastete, gefüllt mit Fisch oder Gemüse. Man isst sie am besten noch warm und mit den Fingern. Wir beschließen über Nacht hierzubleiben und geben uns dem bunten Treiben in den engen Gassen des Centro storico hin, ehe wir uns, müde von den vielen Eindrücken, zum Schlafen auf unser Boot zurückkehren, das im Hafen liegt.

Am nächsten Morgen segeln wir nur wenige Meilen weiter nach Sperlonga. Vom Meer aus sieht das weiße Städtchen aus wie eine griechische Insel, die jemand versehentlich an die Küste des Lazio gesetzt hat. Die Häuser klebten auf einem Felsrücken über dem Wasser, dazwischen schmale Gassen, Treppen und kleine Plätze. Sperlonga verdankt seinen Namen übrigens den Meereshöhlen – den speluncae – entlang dieser Küste. Besonders eindrucksvoll ist die Villa des Kaisers Tiberius, zu der eine große Grotte gehört, in der spektakuläre Skulpturen gefunden wurden, welche die Szenen aus der Odyssee darstellen.

Weiter geht es nach Terracina. Hier verändert sich die Landschaft. Die schroffe, felsige Küstenlandschaft weicht der weiten pontinischen Ebene. Über allem thront der Monte Sant’Angelo mit dem Tempel des Jupiter Anxur. Der antike römische Tempel liegt hoch über dem Meer, während sich unten an der Küste selbst noch Anfang Oktober jede Menge Badende an den langen gelben Sandstränden tummeln. Aber Terracina hat eine weitere Besonderheit aufzuweisen. Die berühmte kerzengerade Strecke der alten Via Appia, die hier durchführt und auch gerne „Fettuccia di Terracina“, also „Band von Terracina“, genannt wird. In den Fünfzigerjahren war diese Straße beliebter Schauplatz so manch mondäner Römer, die Ausflüge aus der Großstadt hierher machten, um mit ihren schnittigen Cabrios ein wahres Schaulaufen zu betreiben.

Von Terracina aus segeln wir weiter am Monte Circeo vorbei. Der gewaltige Felsrücken ragt wie ein natürlicher Bug ins Meer. Und natürlich kommt man - wie in der ganzen Magna Graecia, also Süditalien - auch hier an der Geschichte von Odysseus und Circe nicht vorbei, deren Tempel einst hoch oben auf dem Felsen thronte, wovon heute noch eine Ruine zeugt. Der Überlieferung nach lockte sie die Seefahrer an und verführte sie. So wurde sie auch Odysseus´ Geliebte, beherbergte ihn über ein Jahr und warnte ihn vor seiner Weiterfahrt vor den Sirenen, die bei Neapel wohnten. Im Gegensatz zu diesen jedoch, soll Circe bis heute hier leben...

Weiter nördlich liegt Sabaudia. Hier wird das Lazio überraschend wild: Dünen, Pinienwälder und unendlich lange Sandstrände ziehen sich am Meer entlang. Hinter den Dünen liegen die Küstenseen des Parco Nazionale del Circeo. Sabaudia selbst ist dabei eine kleine Überraschung. Die Stadt wirkt nicht wie ein altes italienisches Küstenstädtchen, sondern ist ein bewusst entworfenes Architekturprojekt aus den Dreißigerjahren. Gerade Linien, helle Gebäude, weite Plätze, im Zuge eines großen Projektes zur Urbarmachung dieses Landstrichs den Pontinischen Sümpfen abgetrotzt. Ein starker Kontrast zu den anderen mittelalterlichen Städtchen an der Küste.

Je weiter wir nun nach Norden kommen, desto stärker verändert sich die Küste und wird - an Latina, Anzio, Nettuno und Santa Severa vorbei immer mehr zur etruskischen Küste wie wir sie aus der Toskana kennen. Hier waren es nicht mehr hauptsächlich Römer und mittelalterliche Seefahrer, sondern die Etrusker, die das Land bis heute prägten. Beseelt von diesem Gedanken segeln wir weiter an Ostia und Fregene - den Hausstränden der Römer - vorüber Richtung Toskana. Unser letzter großer Landgang im Lazio führt uns nach Tarquinia. Wir wollen die Nekropole von Monterozzi besuchen, einen jener Orte, die man nicht so schnell vergisst und seit 2004 sogar UNESCO Weltkulturerbe. Unter den unscheinbaren Erdhügeln liegen Tausende von Gräbern, darunter rund 200 bemalte Grabkammern. Die Fresken zeigen Tänzer, Musiker, Bankette, Jäger und Fischer – also nicht nur den Tod, sondern erstaunlich viel vom Leben.
Bereichert von dieser Erfahrung beschließen wir über Nacht hier zu blieben, um am nächsten Morgen zeitlich aufzubrechen und die Küste der Toskana zu erkunden.






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