APULIEN - LAND ZWISCHEN ZWEI MEEREN

Endlich ist es soweit! Unser Segeltörn steuert auf seinen Höhepunkt zu. Heute umschiffen wir Italien! Das heißt, wir segeln der adriatischen Küste Apuliens entlang einmal um den "Absatz des Stiefels" herum ins Ionische Meer hinaus. Wir sind aufgeregt...

Früh morgens legen wir im kleinen Hafen von Campomarino Marina ab. Anfang September liegt die Wärme des Sommers noch über dem italienischen Küstenstädtchen, auch wenn die Nächte mitunter schon sehr frisch sind. Das Meer ist so früh am Morgen fast glatt, nur ein leichter Wind kräuselt die Oberfläche. Wir lösen die Leinen, setzen das Segel und gleiten langsam mit unserem Segelboot aus dem Hafen hinaus aufs offene Meer. Vor uns liegen Apulien und seine 870 km lange Küste. Die längste des italienischen Festlandes. Nur jene Siziliens (1500 km) und Sardiniens (1900 km) sind länger.

Je weiter wir nach Süden kommen, desto stärker merken wir, dass sich hier Italien zum Mittelmeer hin öffnet. Bald zeichnet sich Bari am Horizont ab. Diese Stadt müssen wir besuchen! Vom Wasser aus erscheint die Hauptstadt Apuliens zunächst nur als helle Silhouette, doch an Land offenbart sie ihren besonderen Charakter: das mittelalterliche Centro Storico, die Basilika San Nicola und die engen Gassen, in denen alte Frauen an großen Tischen vor ihren Häusern sitzen und die berühmten Orecchiette von Hand herstellen. Gebannt schauen wir ihnen zu und nehmen die berühmte Pasta als Proviant mit. Bari ist zugleich eine geschäftige Hafenstadt und seit jeher ein Tor zum Orient: griechische, römische, byzantinische, normannische und afrikanische Einflüsse haben hier im Laufe der Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen. Bis heute eine spannende Mischung.

Wir kehren an Bord zurück, segeln weiter und bereiten unsere Orecchiette zu... Wenig später taucht Polignano a Mare an der Küste auf. Die weißen Häuser kleben dort wie Schwalbennester auf hohen Kalkklippen über dem Meer. Unterhalb der Altstadt liegt die berühmte Bucht von Lama Monachile, eingerahmt von Felsen und dem alten Bourbonenbogen. Vom Boot aus ist die Stadt eindrucksvoller als an Land. Staunend segeln wir also an der weißen Kalkwand vorüber, die sich über dem tiefblauen Wasser erstreckt; dazwischen dunkle Höhlen und kleine Buchten.
In Monopoli wird die Küste wieder sanfter. Der alte Hafen liegt unmittelbar vor der historischen Stadt, geschützt von Mauern und der Festung Carlo V. Kleine Fischerboote liegen neben größeren Yachten, und in den Gassen riecht es nach Meer, Olivenöl und gegrilltem Fisch. Hier spürt man die große kulinarische Tradition Apuliens: Die Küche ist einfach und ausnahmslos regional – Fisch, Muscheln, Gemüse, Olivenöl, Brot und Pasta bestimmen den Speisezettel der Menschen hier. Wir gehen an Land, um am hiesigen mercato einzukaufen und Nachschub für unsere Kombüse zu besorgen.

Etwas weiter südlich beginn das Salento. Die Landschaft wird nun trockener, das Licht intensiver. Zwischen Olivenhainen tauchten weiße Gutshöfe, sogenannte masserie, auf. Die Sprache verändert sich ebenfalls. Neben dem Italienischen hört man in vielen Orten den salentinischen Dialekt, und im Raum von Grecìa

Salentina hat sich sogar das "Griko" erhalten, eine alte griechische Sprachtradition, die an die jahrhundertelange Verbindung des südlichen Apuliens mit der griechischen Welt erinnert, und vor allem noch von den alten Menschen gesprochen wird.
Bei Ostuni, der „weißen Stadt“, leuchteten die Häuser - gleich einem Leuchtturm - hoch über der Küste. Der historische Ortskern ist fast vollständig mit Kalk getüncht und wirkt im Abendlicht fast wie eine weiße Festung.

Wir nähern uns Brindisi. Schon die Römer nutzten den natürlichen Hafen als
Ausgangspunkt für ihre Wege über die Adria nach Griechenland und in den östlichen Mittelmeerraum. Deshalb endete hier einst auch die berühmte Via Appia, die Rom über diesen Hafen mit dem Rest der Welt verband. Im Hafen liegen heute moderne Schiffe neben Fischerbooten; zugleich erinnert vieles an die Jahrtausende alte Geschichte dieser Küste. Hier wird das Meer immer offener

Bei Otranto sind wir auf dem Höhepunkte unserer Reise angelangt. Die Stadt liegt am östlichsten Punkt der Küste Italiens und blickt über die Adria hinweg in Richtung Griechenland und Albanien. Über dem Hafen erhebt sich das mächtige Castello Aragonese, während die Kathedrale mit ihrem gewaltigen mittelalterlichen Mosaik zu den außergewöhnlichsten Sakralbauten Apuliens gehört. Rund um Otranto wechseln sich felsige Küsten, kleine Buchten und lange Strände ab; die Baia dei Turchi und die Alimini-Seen gehören zu den wohl reizvollsten Landschaften Süditaliens.

Bei Santa Cesarea Terme und Castro wird die Küste wieder rauer, ja fast dramatisch. Das Meer ist tiefblau, die Felsen hell und scharfkantig, und über allem liegt der Duft von Pinien, wildem Thymian und mediterraner Macchia.
Schließlich erreichen wir Santa Maria di Leuca, den südlichsten Punkt unserer Reise. Hier treffen die Wasser von Adria und Ionischem Meer aufeinander. Auch wenn man es kaum merkt, aber für uns fühlt es sich wie ein Wendepunkt an. Hinter dem Leuchtturm und der großen Wallfahrtskirche liegt der offene Horizont. Wir haben den "Absatz" Italiens umrundet.

Mit dem Wechsel auf die ionische Seite verändert sich auch nicht nur der Kurs nach Westen, sondern auch die Landschaft. Die hohen Kalkklippen weichen an dieser Stelle langen Sandstränden, Dünen und flachen Küstenwäldern. Bei Gallipoli liegt die historische Altstadt wie eine Insel vor der modernen Stadt. Alte Mauern umgeben Kirchen, Paläste und enge Gassen; Fischerboote liegen im Hafen, und überall ist die Verbindung zum Meer spürbar. Die Küche des Salento zeigt sich von ihrer ursprünglichen Seite: friselle mit Tomaten und Olivenöl, pittule, gegrillter Fisch, Meeresfrüchte und die typischen orecchiette oder ciceri e tria, Pasta mit Kichererbsen.

Weiter nördlich folgen Porto Cesareo, die langen Strände von Punta Prosciutto und die Küste bei San Pietro in Bevagna. Das Wasser ist so klar, dass man vom Boot aus den hellen Sand unter dem Kiel erkennen kann. An Land wechseln Dünen, Pinienhaine und mediterrane Macchia miteinander ab. Die Küste wirkt hier fast karibisch, obwohl dahinter eine uralte, fruchtbare Kulturlandschaft liegt.

Plötzlich taucht vor unseren Augen der Golf von Tarent mit der berühmten Baia di Taranto, der historischen Bucht, auf. . Die Landschaft wird wieder weiter und ruhiger. Die Geschichte dieser Stadt zwischen den zwei Meeren reicht weit zurück: Als griechische Kolonie war Taras einst eine der bedeutendsten Städte der Magna Graecia.

Im Hinterland zeugen die berühmten Trulli aus weißem Stein von einer Besiedlung der Berge, die ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Das Archäologische Nationalmuseum mit seinen berühmten Funden erinnert an diese Epoche, während die moderne Stadt auch heute immer noch stark vom Hafen und vom Meer geprägt ist.

Von Taranto aus geht es nur noch ein kurzes Stück westwärts. Die Küste wird flacher, sandiger und von Dünen und Pinienwäldern begleitet. Bei Campomarino di Maruggio machen wir noch einmal Halt, um zu baden. Der Ort ist nämlich bekannt für hellen Sand, kristallklares Wasser und hohe Dünen; über der Küste wacht der alte Torre delle Moline, einer jener Wachtürme, die einst vor Angriffen vom Meer schützen sollten.
Gegen Abend erreichten wir schließlich Marina di Ginosa, der westlichste Ort Apulien und die Endstation unserer Reise. Vorläufig jedenfalls.... Denn schon bald geht es weiter Richtung Basilicata - immer der Küste entlang!






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