ENTLANG DER KÜSTE DES MOLISE
- I LOVE ITALY

- vor 19 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Am frühen Morgen lag unser kleines Schiff noch vor San Salvo, in den Abruzzen. Wir verließen zeitlich den Hafen und steuerten nach Süden. Vor uns lag die Mündung des Trigno. Der Fluss, der vom Apennin kommt und hier in die Adria fließt, bildet die Grenze zum Molise. der kleinsten Regionen Italiens mit dem kürzesten Küstenabschnitt.

Nur 35 Kilometer ist die Küste des Molise lang und besteht fast ausschließlich langen hellen Sandstrände, Dünen, Feldern und niedrigen Hügeln. Sie wird auch Costa dei Delfini genannt, weil sich diese Tiere hier gerne aufhalten. Ständig hört man von den Fischern, dass sie auf ihren Touren nahe der Küste auf Delfine treffen.
Als die Sonne höher stieg, tauchte an Land Montenero di Bisaccia auf. Der uralte kleine Ort liegt nicht unmittelbar am Strand, sondern weiter oben im Hügelland. Hier vermischt sich der Duft von Erde und Olivenbäumen mit der salzigen Meeresluft, die den Anbau von Getreide, Wein und Oliven begünstigt. Seit Jahrhunderten wird hier Landwirtschaft betrieben.

Wie der Großteil der Adriaküste so wurde auch das Hinterland des Molise seit jeher intensiv von Bauern und Hirten genutzt. Dementsprechend groß ist die Vielfalt an Delikatessen, die bis heute den kulinarischen Ruf der kleinen Region begründen. So gibt es hier beispielsweise den Saggiciotto, eine traditionellen Schweinewurst, oder auch die berühmte Ventricina, eine würzige, scharfe Salami.

Wir setzen unseren Segeltörn fort. Vor uns liegt Petacciato. Vom Meer aus scheint der Ort wie eine grüne Terrasse über dem Wasser. Tatsächlich wird der Ort auch gern als „Terrazza sull´Adriatico“ bezeichnet, denn von den Höhen reicht der Blick bei klarer Sicht weit über die Küste und sogar bis zum Gargano und zu den Tremiti-Inseln.

Unter uns wird das Wasser plötzlich durchsichtig. Die helle Farbe des Sandbodens schimmert durch die Oberfläche. Am Strand sahen wir die Dünen, die sich wie niedrige Wellen aus Sand parallel zum Meer ziehen. Die Küste des Molise ist nicht bloß Strand. Zwischen Meer und Landwirtschaft existieren empfindliche Dünenlandschaften, Feuchtgebiete und salzhaltige Lebensräume. Die Küstengebiete bei Petacciato und an den Flussmündungen gehören zu den ökologisch wertvollen Natura-2000-Gebieten.
Leider ist das Wetter zur Zeit etwas launisch, um nicht zu sagen schon etwas herbstlich, . und so zieht plötzlich eine Wolkenwand vom offenen Meer herauf. In nur weniger Minuten verändert sich die Farbe des Wassers von Blau zu Grau, der Horizont verschwindet, und ein kurzer Regenschauer zieht über uns hinweg. Zum Glück reißt die Wolkendecke rasch wieder auf und wir können unsere Fahrt fortsetzen. Und während über den Dünen ein schwacher Regenbogen im Nebel leuchtet, nehmen wir Kurs auf Termoli.

Zuerst sehen wir den Hafen. Dann die Mauern der Altstadt, die auf einem Vorsprung weit über das Meer hinausragen. Darüber erhebt sich der Turm des alten Castello Svevo, und dahinter die Häuser des mittelalterlichen Borgo. Termoli war seit ihren Anfängen immer eine Stadt des Meeres. Bis heute. Fischerboote liegen im Hafen, Netze trocknen auf der Mole, und über den Häusern hängt der Geruch von Salz und Fisch. Der alte Stadtkern ist von Befestigungsmauern umgeben; der erhaltene Turm des einstigen Castello Svevo ist heute eines der Wahrzeichen der Stadt. Auf der Piazza Duomo steht die romanische Kathedrale San Basso, in der die Reliquien der Stadtpatrone San Basso und San Timoteo verehrt werden.

Wir legten im Hafen an und gehen an Land, in die nächstgelegene Trattoria. Wir wollen nämlich die berühmte Fischsuppe von Termoli kosten: il brodetto alla termolese. Eine ursprüngliche Delikatesse aus verschiedenen Fischen, Meeresfrüchten, Tomaten, Kräutern, Olivenöl und die kräftige Würze einer Küche, die über Generationen von Fischern geprägt wurde. Denn Termoli ist das Zentrum der regionalen Fischerei. Und so besteht die molisanische Küche vor allem aus Sardellen, Meerbarben, Tintenfischen, Muscheln und andere Meeresfrüchten. Für alle, die diese besondere Fischsuppe nachkochen möchten, gibt es hier das Originalrezept: https://www.moliseinvita.it/2015/11/13/brodetto-alla-termolese/

Am nächsten Morgen ging es für uns weiter. Sobald die ersten Sonnenstrahlen auf die Mauern der Stadt trafen und diese für wenige Augenblicke in rötlichen Goldschimmer tauchten, stachen wir in See, weiter Richtung Süden. An der Mündung des Biferno entlang veränderte sich die Landschaft erneut. Das Wasser des Flusses mischt sich hier mit dem Meer. Schilf und Feuchtgebiete begleiten die Küste, und dahinter liegen Felder und Weinberge.
Eine reizvolle Mischung, die von einer erhabenen Schönheit ist.

Am späten Vormittag erreichten wir den Küstenort Campomarino Lido. Doch unser Ziel war zunächst das alte Campomarino, das etwas weiter landeinwärts auf einer sanften Anhöhe liegt. Wir besuchen den Ort, der in arbëreshër Sprache Këmarini genannt wird. Hier begegnet man einem Teil uralter, aber bis heute lebendiger Kulturgeschichte, die man auf einer Reise durch Italien nicht unbedingt erwarten würde. Campomarino besitzt nämlich eine bedeutende "arbëreshë" Gemeinschaft.

Ihre Vorfahren kamen ab dem 15. Jahrhundert - auf der Flucht vor den blutigen Eroberungszügen des osmanischen Reiches - aus den albanischen Gebieten nach Italien, wo sie sich in den Bergen versteckten, und bewahrten über Jahrhunderte Sprache, Bräuche und kulturelle Erinnerung. Im Ort erinnern Wandmalereien an diese Geschichte; in der lokalen Tradition lebt die albanische Identität bis heute fort.

Vor allem die Alten sprechen oft noch diesen albanischen Dialeket als Muttersprache und nur sehr gebrochenes Italienisch. Ihnen zuzuhören ist ein bisschen so wie eine Reise in die Vergangenheit...
Wir aber haben noch die Hälfte unserer Reise entlang der Küsten Italiens vor uns. Deshalb kehren wir zurück an Bord. Denn morgen geht es weiter nach Apulien!





Kommentare